Metamorphose

Dies ist eine Zusammenfassung der Vorgeschichte und der Zeit zwischen meiner Begegnung mit dem Islam im April 2010 und dem ersten regulären Blogeintrag im März 2011


Die Ausgangslage

Bevor ich hier von meiner unerwarteten, ungebetenen und keineswegs herbeigewünschten Verwandlung erzähle, will ich kurz meine Person und in groben Zügen mein Leben bis zu diesem Ereignis beschreiben.

Ich bin eine ganz gewöhnliche Schweizerin im gesetzten Alter von 58 Jahren. Seit bald 20 Jahren lebe ich mit meinem Mann in dessen Heimatland im Süden Europas, wir haben zwei erwachsene Söhne, die nicht mehr bei uns im Haus wohnen, ein eigenes kleines Geschäft und ein paar Hunde. Wir haben im Großen und Ganzen ein sorgloses Dasein.

Meine allgemeine Einstellung zum Leben war geprägt durch einen schweren Autounfall, den  ich in jungen Jahren entgegen der Prognosen der Ärzte nicht nur überlebte, sondern bei dem ich auch ganz knapp dem Rollstuhl entging.

Während meines langen Aufenthaltes in einer Spezialklinik für Querschnittgelähmte fragte ich mich – nach den Wochen der Ungewissheit – angesichts der Para- und Tetraplegiker immer wieder, warum denn nun ausgerechnet ich das unverdiente Glück hatte, von diesem Schicksal verschont geblieben zu sein. Diese unbeantworteten Überlegungen führten dazu, dass ich auf fatalistische Art an Schicksal zu glauben begann: Wenn es sein muss, muss es sein, und wenn nicht, eben nicht. Daraus ergab sich die Devise: leb den Tag und genieß das Leben, solange du kannst (und damit niemandem schadest). Natürlich empfand ich auch durchaus ein Gefühl der Dankbarkeit, gewissermaßen ein zweites Leben geschenkt erhalten zu haben. Dankbarkeit ohne einen Gegenstand, an den ich sie hätte richten können.

Denn an einen Gott hatte ich schon seit meiner Kindheit nicht mehr geglaubt. Die Vorstellung eines Gottes, der die Welt erschaffen hat, kam mir genau so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich vor wie die, dass alles aus Zufall entstanden sein soll. Ich konnte mir auch durchaus vorstellen, dass es andere, viel weiter außerhalb des menschlichen Verstandes liegende Möglichkeiten gab. „Glauben“ – das war deshalb ein Wort, das mir im Zusammenhang mit der Frage nach dem Ursprung der Welt und dem Sinn des Lebens fehl am Platze schien. Entweder wusste ich, dann brauchte ich jedoch nicht zu glauben. Das Wort „Gott“ schien mir allenfalls als Umschreibung all dessen, worüber man nichts weiß, dienlich.

Meine Einstellung zu Religionen war natürlich durch diese Prämisse geprägt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein einigermaßen intelligenter Mensch an eine Religion glaubte. Gott ja, vielleicht, aber Religion? Wenn ich auch einen gewissen Respekt für die verschiedenen Religionsstifter aufbrachte, die meiner Meinung nach alle die gleiche Grundbotschaft brachten: seid gut zueinander.  Die Religionen, die Kirchen, die Hierarchien, die Riten, die Machtmittel, die sich daraus ergeben hatten, all das war mir entschieden suspekt. Ich hielt Religion für ein Mittel, das Volk zu unterdrücken, auszubeuten und zu manipulieren. Nach Marx eben: Religion ist Opium fürs Volk.

Soweit die Ausgangslage.

Der Einstieg

Ich tanze sehr gerne. Mein Mann hasst es, zu tanzen. Dies war der Grund, dass ich mich vor einigen Jahren eines Tages überwand und mich in einen Kurs für orientalischen Tanz – im Volksmund Bauchtanz genannt – einschrieb. Eigentlich fand ich diese z.T. alten (wie ich) Frauen, die mit ihren Hintern wackelten, eher albern und hätte viel lieber mit meinem Mann einen Salsa- oder Tango-Kurs belegt. Aber er ließ sich in all den Jahren nie dazu überreden und mit anderen Männern wollte ich auch nicht tanzen. Am Bauchtanz war ideal, dass man keinen Partner braucht und dass er, wie es hieß, gut für meinen bei jenem Unfall etwas aus den Fugen geratenen Rücken sein sollte. Und entgegen meiner Vorurteile erwies sich das Ganze als weder anstößig noch peinlich. Wir waren einfach ein paar ganz unterschiedliche Frauen zwischen 15 und 75 Jahren, die durch das Tanzen und dessen meditativen Aspekt eine etwas entkrampftere Einstellung zu ihren nicht perfekten Körpern und als Draufgabe geschmeidigere Gelenke kriegten, und viel Spaß hatten.

Die wunderbar exotische arabische Musik faszinierte mich von Anfang an. Mein iPod war bald voll davon. Ich begann, mich für orientalisches Kunsthandwerk zu interessieren. Als Nächstes verwirklichte sich ein alter Traum von mir: mein Mann und ich machten eine Reise nach Ägypten. Es war wunderbar. Natürlich konzentrierte sich die Reise auf die altägyptischen Sehenswürdigkeiten, aber wir waren auch ein paar Tage mitten in Kairo. Wir besuchten die Zitadelle hoch über der Stadt, mit der Ehrfurcht erweckenden Mohammed-Ali-Moschee. Nicht Ehrfurcht erweckend genug, dass meinem Mann nicht ein Spaß über die Lippen gekommen wäre beim Anblick der sich verbeugenden und niederwerfenden Gläubigen. „Allah Petrol“ will er nämlich immer verstehen statt „Allahu Akbar“. Ich amüsierte mich mit.

Ein knappes Jahr später fing ich an, arabisch zu lernen. Aus einem plötzlichen Impuls heraus bat ich eine Freundin, mir einen Lehrgang zum Selbststudium aus der Schweiz mitzubringen. Ich erklärte mir selber und anderen, es ginge es mir vor allem darum, mein Gehirn zu trainieren, und die Sudokus und Kreuzworträtsel seien mir verleidet. Ich hatte gelesen, dass es gut für die grauen Zellen sei, im Alter etwas ganz Neues zu lernen. Frühere Versuche mit Chinesisch und Russisch hatte ich bald abgebrochen, irgendwie kam ich nicht richtig rein, obwohl ja Sprachen eigentlich mein Ding sind. Arabisch packte mich aber von Anfang an. Ich lernte zunächst autodidaktisch, doch das war auf Dauer unbefriedigend. Also suchte und fand ich einen Online-Lehrer und buchte eine Probestunde.

Diese war einwandfrei. Allerdings fehlte nicht viel, und ich hätte im letzten Moment abgesagt: ich googelte nämlich nach dem Namen des Lehrers und fand, nebst Veröffentlichungen zur arabischen Sprache, auch einen religiösen, islamischen Text, und ich hatte nun wirklich keine Lust auf Frommes, und am allerwenigstens auf Islamisches.

Da ich mich aber nicht auf längere Zeit verpflichten musste, fing ich an, alle 2 Wochen eine On-Line Lektion zu nehmen. Der Lehrer machte keinerlei religiöse Andeutungen. Dafür wies er mich darauf hin, dass das Arabisch, das ich bisher autodidaktisch gelernt hätte, ein „abgekürztes“ sei, etwas „schlampig“, nicht klassisch hocharabisch. Ich erwiderte ziemlich schnippisch, ich hätte ja nicht die Absicht, den Koran zu lesen, sodass mir das durchaus genüge.

Nach ein paar Lektionen packte mich dann aber doch der Ehrgeiz. Natürlich nicht wegen des Korans, aber ich dachte „wenn ich schon eine Sprache lerne, dann auch richtig“ und fing an, klassisch hocharabisch zu lernen. Es machte mir Spaß und ich hatte den Eindruck, zusammen mit dieser so ganz anderen Sprache ein neues Lebensgefühl zu erahnen. Am Anfang fand ich sie interessant und seltsam, mit der Zeit gefiel sie mir immer besser, mitsamt den komischen ungewohnten Kehllauten. Die Lektionen waren professionell gemacht und es schimmerte kein bisschen Religion durch.

Denn trotz meiner Schwäche für das Orientalische – der Islam gehörte nun ganz bestimmt nicht dazu. Obwohl ich mich nämlich für eine relativ tolerante Person hielt, war mir diese Religion von allen am suspektesten – natürlich nicht zuletzt durch die vielen Nachrichten über Selbstmordattentäter und Terrorakte und andere dem Islam zugeschriebene Grausamkeiten, sowie die negative Berichterstattung an sich. Eine Religion, die Gewalt befürwortet, Frauen unterdrückt, Andersgläubige ausgrenzt, heutzutage noch Steinigungen toleriert fand ich schlimmer als die schlimmsten Sekten.

Zu meinem Geburtstag schenkte  mir eine gute Freundin, die wusste, dass ich arabisch lerne, einen Anhänger mit einer arabischen Kalligraphie. Ihr inzwischen verstorbener Mann hatte ihn ihr vor vielen Jahren in Ägypten gekauft und sie wusste nicht, was draufstand. Ich konnte es auch noch nicht lesen, erfuhr dann aber, dass es „Allah“ heißt. Grund für mich, es zunächst nicht mehr zu tragen….

 

Allah?

Ich bin ein Naturmensch. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer Stadt zu wohnen. Im Urlaub sind es nicht die Monumente, sondern die Landschaften und die Schönheiten der Natur, die es mir am meisten antun. Und ich gestehe, dass mich trotz meiner negativen Einstellung zu Religionen durchaus manchmal beim Anblick der Natur ein ehrfürchtiges Gefühl überkam, eine Art diffuse Dankbarkeit, dass ich hier sein und das sehen und erleben darf. Doch das, was mich nun erwartete, übertraf alle diese momentanen Glücksgefühle um ein Vielfaches.

Was jetzt kommt, hört sich auch für  mich selbst  immer noch verrückt an, abgehoben. Ich erzähle es trotzdem, weil ich es genau so erlebt habe. Also, eines Tages, es war Mitte April, stand ich auf dem Balkon und schaute über die blühende Gegend zum Meer hinaus und auf einmal erfasste mich ein unglaublich starkes, körperliches Gefühl  und ich „wusste“ plötzlich um die Existenz Gottes und in meinem Kopf dachte etwas – oder besser: mein Kopf war gewissermaßen ausgefüllt mit „Allah“. Ich weiß, das hört sich idiotisch an – ich dachte zunächst – nein, zunächst dachte ich gar nichts, war völlig überrumpelt. Für das schöne Gefühl fiel mir später ein Vergleich ein: die Geburt meiner Söhne – pure Liebe und Dankbarkeit und Staunen – nur noch intensiver. Dass das Wort in meinem Kopf „Allah“ war und nicht „Gott“ war natürlich ein Ergebnis des Arabisch Lernens.

Mit meinem Leben war ich zum Zeitpunkt dieses Erlebnisses durchaus zufrieden Ich gab nur noch wenige Privatstunden pro Woche (Sprachunterricht), war aber froh darüber, denn ich hatte ja das Haus, den Garten, die administrativen Arbeiten für unser Geschäft, das Tanzen, das Lesen, Tennisspielen, die Jungs, das Klavier, die Hunde. Ich wohnte an einem wunderschönen Ort, in einem schönen Haus, mir fehlte es an nichts. Ich hatte nie an Halluzinationen gelitten und fühlte mich psychisch gesund.

Ich hatte also dieses seltsame Erlebnis. Es blieb aber nicht einfach ein momentanes „Flash“, sondern die Erinnerung an das Gefühl blieb präsent und manchmal brach es mehr oder weniger intensiv wieder durch. Vor allem hatte ich das physische Gefühl der Präsenz Gottes, wenn ich draußen in der Natur war. Verstandesmäßig konnte ich das Ganze nicht einordnen.

Wie schon erwähnt, von Religionen hielt ich nichts. Allerdings hatte ich wohl eine Ahnung, vor allem meine eigene Religion war mir schon vertraut, durch Sonntagsschule, Konfirmandenunterricht. Auch hatte ich in jungen Jahren aus purem Interesse und Lust am Lesen einen Großteil der Bibel gelesen und auch über Buddhismus und Hinduismus hatte man in den Hippie-Jahren einiges erfahren. Keine dieser Religionen vermochte mich jemals anzuziehen.

Jetzt fing ich an, mich zunächst auf Wikipedia über den Islam zu informieren. Ich wusste schon vorher, dass das Wort „Allah“ die arabische Übersetzung für das Wort „Gott“ ist, dass die arabischen Christen Gott ebenso „Allah“ nennen wie die Muslime und ich wusste, dass letztere furchtbar fromm sind und beten und sich niederwerfen bis sie schwarze Male auf der Stirne kriegen. Und natürlich das, was man in den Medien in den letzten Jahren über den Islam hörte. Jetzt lernte ich eine ganz neue Sichtweise auf den Islam kennen.

Ich lud eine Koranübersetzung herunter und stieß auf:

«Sprich: „wahrlich, mein Herr, der Kenner des Verborgenen, schleudert (euch) 

die Wahrheit entgegen»  Sure 34 („Saba’“) Vers 48

Und:

«……… die Haut erschauert, dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz 

zum Gedenken Allahs. Das ist die Führung Allahs….» Sure 39 („die Scharen“) Vers 23

Besser könnte ich meine Empfindungen auf dem Balkon nicht beschreiben.

Der Koran stieß mich ab und zog mich noch mehr an. Mein Verstand wehrte sich mit Händen und Füßen. Brachte alle Argumente gegen Religion im allgemeinen und den Islam im speziellen auf, berechtigte und unberechtigte, Vorurteile und Tatsachen, alles was auch mein Mann oder meine Freunde oder jeder, der etwas gegen Religionen hat, dagegen anbringen könnten. Schalt mich dumm, hielt mich für verrückt, war total durcheinander.

Und ich konnte mit niemandem reden. Ich wusste genau: alle, die ich kenne, würden genau die gleichen Argumente auffahren wie mein eigener Verstand, würden alles unternehmen, um mich von diesem „Humbug“ abzubringen. Ich wollte aber nicht meine eigene Meinung hören, sondern ich wollte etwas  von der „anderen Seite“ wissen.

Ich überwand mich also und schrieb nach vielen inneren Kämpfen Ende Mai, also etwa eineinhalb Monate nach jenem Erlebnis auf dem Balkon, dem einzigen muslimischen Menschen, den ich „kannte“, meinem Arabisch Lehrer, eine E-Mail. Ich weiß nicht mehr, was ich als Erstes fragte, ich habe später in einem Versuch, meine Ehe zu retten, viele Mails gelöscht. Auf jeden Fall erklärte er sich höflich und distanziert bereit, meine Fragen zu beantworten. Von seinen Antworten auf meine Fragen waren manche schlüssig, einige konnte ich nicht wirklich nachvollziehen, und es kam auch des Öfteren etwas wie „das liegt in der Weisheit Gottes“.

Trotzdem wollte ich mehr wissen. Ich las jetzt gleichzeitig zwei verschiedene Koranübersetzungen, sozusagen Stereo. Las alles, was ich über, vom, für und gegen den Islam im Internet fand.

Zu meiner Reaktion auf den Koran selbst zitierte der Lehrer nachstehende Worte Goethes. Ich glaube, kein Nicht-Muslim (wobei man darüber nicht ganz sicher sein kann) hat dieses Buch je besser beschrieben:

„Grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt […] Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben; so treibt ein Keil den anderen, und darf sich über die große Wirksamkeit des Buches niemand verwundern.“

Das, was ich über den Islam erfuhr – das meiste weiterhin im Internet – zog mich immer mehr in den Bann. Plötzlich erschien mir vieles logisch – langsam aber sicher zog mein Verstand mit. Ich hatte auch angefangen, mir Koranrezitationen anzuhören – und erfahren, welche Wirkung sie auf den Hörer haben – sogar ohne dass dieser ein Wort versteht. Den „wissenschaftlichen Wundern“ des Koran (da stehen in der Tat gewisse, erst heutzutage wissenschaftlich bewiesene Dinge, die man damals unmöglich wissen konnte) stand ich am Anfang eher skeptisch gegenüber. Die Sprache an sich, und die Tatsache, dass nicht nur islamische Linguisten davon überzeugt sind, dass es in den 1400 Jahren seit der „Herabsendung“ niemandem gelang, eine auch nur annähernd ebenbürtige Sure hervorzubringen, faszinierte mich am meisten. (Eine Herausforderung des Korans: wer nicht an den göttlichen Ursprung glaube, solle nur eine einzige vergleichbare Sure – und die kleinste hat nur 3 Sätze – beibringen).

Ich, die selbstbewusste, weltoffene, unabhängige, „intelligente“, moderne Frau, als die ich mich selber gern verstand und als die ich vermutlich von meiner Umwelt wahrgenommen wurde, fühlte mich von einer Religion angezogen! Und dazu noch ausgerechnet vom Islam!

Wieder und wieder warnte mich mein Verstand: „lass bloß die Finger davon! Das widerspricht allem, woran du bisher (nicht) geglaubt hast. Islam! Das ist für Araber und Fanatiker. Für Ungebildete und Kindsköpfe. Oder für Tagträumer und Verrückte. Aber ganz bestimmt NICHT FÜR DICH!“

In dieser Zeit meiner inneren Zerrissenheit wuchs diese Rose an meinem gelben Rosenstock:

Ich fand sie interessant und wunderschön, fotografierte sie, und zeigte sie überall herum brachte sie aber natürlich nicht in Zusammenhang mit meiner Veränderung. Ich freute mich über diese Laune der Natur.

Aber der Islam zog mich immer mehr an. Ich lernte bei meinen Reisen im Internet, dass der Koran und die Religion des Islam im Grunde herzlich wenig mit Gewalt und Terrorismus und Frauenverachtung zu tun haben. Diese Dinge geschehen zwar, und unter Muslimen leider in erhöhtem Masse – in einer seltsamen Mischung aus arabischen Traditionen oder auch – in den Industrieländern – aus den Folgen sozialer Ausgrenzung verbunden mit fanatischem Glaubensverständnis. Gerade die aktuellen Geschehnisse in den arabischen Ländern beweisen aber, dass es Millionen Muslime ja in Großer Überzahl Jahrzehntelang dem Frieden zuliebe vorzogen, still unter ihren despotischen Regierungen zu leiden, als aufzubegehren, und jetzt, wo sie sich wehren, tun es die meisten weitestgehend gewaltlos. Außer den ganz extremen Eiferern, aus deren Reihen dann die Extremisten und Terroristen erwachsen, begreifen alle praktizierenden Muslime ihren Glauben als eine Religion des Friedens.

Fast unbewusst  begann ich, innere Zwiesprache mit Gott zu halten.  Und ich hörte schon mal auf, zu rauchen und reduzierte den ohnehin maßvollen Genuss von Alkohol auf ein Minimum. Einmal schrieb mein Lehrer: „vielleicht sind Sie bereits Muslima und wissen es nur nicht“.

Muslima

Muslima?? Islam, Muslima – plötzlich fand ich, das seien die schönsten Wörter der Welt. Und eines Tages Ende Juni spürte ich den inneren Drang, die „Shahada“, das Glaubensbekenntnis, das einen Menschen vor Gott zum Muslim macht, zu sprechen.

Die zweifarbige Rose war längst verblüht. Aber erstaunlicherweise brachte der Stock gerade jetzt noch einmal etwas Besonderes hervor. Diesmal erblühte inmitten der vielen gelben eine einzelne, etwas kleinere, ganz rote Rose. An diesem Stock wuchs weder vor- noch nachher je etwas anderes als gelbe Rosen….

Inzwischen schien mir alles eine Fügung, ein Weg:

–      Der Tanz als Einstieg
–      die Reisen in den Orient
–      das Arabisch lernen
–      der Anhänger mit der Allah-Kalligraphie
–      der muslimische Lehrer
–      jenes Gefühl auf dem Balkon
–      dass und wie ich das Glaubensbekenntnis sprach

– Und dann die zwei Rosen: ein kleines „Wunder“ als   Draufgabe…. (und das war noch nicht einmal alles!)

Natürlich kann man das alles für Zufall, Hirngespinste, Halluzinationen, Einbildung und Wunschdenken halten. Oder aber, dass ich mir mit Hilfe des Internet und einer Kapriole der Natur quasi selbst eine Gehirnwäsche verpasst habe. Darüber habe ich oft gegrübelt. Eines ist aber klar: niemand hat mich zu irgend etwas gedrängt, es kam alles aus mir selber heraus (oder besser, so empfinde ich es, in mich herein).

Ich wusste inzwischen, dass nebst dem Bekenntnis die fünf täglichen Gebete einer der wichtigen Punkte, eine der sogenannten fünf Säulen des Islam sind. Also informierte ich mich im Internet, wie man betet. Obwohl Auswendiglernen nun wirklich nicht zu meinen Stärken gehört (im Unterricht wäre ich so froh gewesen, die kleinen Texte, die ich lesen lernen sollte, auswendig zu können, um damit meine Leseschwäche zu tarnen) lernte ich die wichtigsten arabischen Gebetstexte erstaunlich schnell.

Nun begann ich, zu beten. Ich, die noch vor wenigen Wochen solche Leute belächelte. Ich, doch eigentlich eher bequem und etwas faul veranlagt, betete, wenn immer möglich 5x am Tag! Und ab und zu kam dabei jenes Gefühl vom Balkon in voller Stärke zurück. Es gab aber auch Momente, da stand mein altes ich neben mir und wollte sich totlachen über diese bekopftuchten Bücklinge und Niederwerfungen.

Täglich lernte ich nun mehr über diese Religion, traf auf extremere und weniger extreme Seiten im Netz, auf missionarische und anti-islamische. Ich erinnere mich, dass ich mich – eine gestandene Frau im gesetzteren Alter,  einmal dabei erwischte, wie ich vor dem PC saß und andächtig auf YouTube irgendwelchen bevollbarteten Jünglingen lauschte – und die Situation total absurd fand. A propos YouTube: auch meinen Arabisch Lehrer traf ich dort wieder an, in einem Vortrag (Tafsir) über eine Sure. Wäre ich früher darauf gestoßen – ich hätte ihn weggeklickt und den Unterricht abgebrochen. Inzwischen war das irrelevant.

Ich war jetzt Muslima. Ich nahm sogar einen islamischen Namen an. Das ist nicht obligatorisch, aber möglich. So richtig weiß ich eigentlich nicht, warum ich das getan habe, ich habe gar nicht viel darüber nachgedacht. Am Anfang meiner Nachforschungen über den Islam auf Wikipedia war ich mal auf den Namen Chadidscha gestoßen. So hieß die 1. Frau des Gesandten (sas), und da sie eine bodenständige Geschäftsfrau war, die wusste, was sie wollte, und da sie auch erst in gesetzterem Alter zum Islam kam und weil mir der Name gefiel, übernahm ich ihn, ohne mir viele Gedanken zu machen. Ich möchte aber betonen, dass dieser Name meinen Taufnamen nicht etwa ersetzt – niemals würde ich den Namen, den meine Eltern mir gegeben haben, einfach ablegen.

Niemand von meiner Familie oder von meinen Freunden wusste von meinen Veränderungen. Mir war klar, keiner würde das verstehen – ebensowenig wie ich es vor ein paar Monaten verstanden hätte, wenn jemand mir eine solche Geschichte erzählt hätte. Also musste ich im Geheimen beten. Das ging eine Zeitlang gut, aber ich fühlte mich nicht wohl dabei. Einerseits hatte ich ein schlechtes Gewissen,  nicht selbstbewusst genug zu sein, um dazu zu stehen, andererseits befürchtete ich, mit der Wahrheit Ängste und Beunruhigung auszulösen. Ich hatte also zwar innerlich dieses Gefühl des Glücks und der Ruhe, war aber äußerlich unruhig und fahrig und abwesend, weil ich ständig darüber nachdachte, wie ich es meinem Umfeld beibringen konnte.

Nun kam Ramadan. Und ich hatte ein starkes Bedürfnis, zu fasten. Das konnte ich nach ein paar Tagen natürlich nicht mehr verheimlichen – nach kurzer Zeit nahm mir keiner mehr diese komische Diät ab, bei der man nicht mal trinken darf – und so musste ich mit der Wahrheit herausrücken.

Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Ich will nicht im Detail erwähnen, was ich alles zu hören bekam. Auf jeden Fall veranlasste es mich, meinem Mann, 33 Ehejahren und der Familie zuliebe, nicht weniger als 3x zu versuchen, davon „loszukommen“. Ich begann sogar, wieder zu rauchen, um mir selber und den anderen zu beweisen, dass ich nicht eine Sucht mit einer anderen vertauscht hatte. Ich las auch im Sinne der Ausgewogenheit wieder vermehrt anti-islamische Veröffentlichungen.

Der dritte Versuch, „mit dem Unsinn aufzuhören“ und meine Ehe zu retten ging soweit, dass ich alles islamische vom Computer und von meinem iPod entfernte, meinem Arabisch-Lehrer schrieb, ich würde den Unterricht abbrechen und er möchte mich ab sofort nicht mehr kontaktieren.

Als ich am Abend dieses radikalen Versuchs, wieder „normal“ zu werden,  ins Bett ging, steckte ich mir wie üblich die Kopfhörer meines iPod in die Ohren. Ich hatte ja auf dem Player noch die Musik von vorher, darunter natürlich viel Arabisches, vom Tanzen, im ganzen über 400 Stücke. Ich schaltete auf „Zufällige Titel“ und ALS ERSTES  kam eine arabische Musik, die ich zwar vom Tanzen her kannte, bei der ich jedoch noch nie auf den Text geachtet hatte. Diesmal tat ich dies. Es hieß  „inscha-Allah Chadidscha que espere, inscha-Allah Chadidscha seja feliz“. Das war der ganze Text, mehrmals wiederholt. Das heißt auf Deutsch so viel wie: So Gott will, Chadidscha soll warten, so Gott will, Chadidscha wird glücklich sein. Das konnte nun ja nicht sein. Ich machte Licht  und sah auf dem Display nach: tatsächlich, das Stück hieß Khadija (englische Umschrift desselben Namens). Aber der Rest konnte ja wohl nicht portugiesisch sein, sicher etwas arabisches, das ich falsch interpretierte. Am nächsten Tag fand ich im Internet heraus, dass es sich um eine brasilianisch/arabische CD handelte….

Trotzdem zwang ich mich, diesen Versuch, „wie vorher“ zu werden, fortzusetzen. Spielte ein paar Tage nach außen die „Alte“, „Normale“ – und fühlte mich dabei innerlich tot. Es ging einfach nicht, der Islam war stärker und ich gab es definitiv auf, mich zu wehren.

Natürlich hörte ich nie auf, alles zu hinterfragen.  Ging auf die Vermutungen, die andere über die Ursachen für meine „psychischen Probleme“ und und den darauf beruhenden „religiösen Wahn“ hegten, ein und versuchte, ehrlich mit mir selbst zu sein. Ich kam wieder zu derselben Schlussfolgerung: ich fühlte mich psychisch gesund, die hormonellen Sprünge der Wechseljahre lagen hinter mir, ich stand weder am Rande einer Depression noch bin ich ein Mensch, der sich von irgend etwas oder jemandem ungewollt derart beeinflussen ließe. Wenn ich ein Abenteuer gebraucht hätte – bestimmt gäbe es da näherliegende, weniger komplizierte, Möglichkeiten….

Außerdem tut kein vernünftiger und schon gar nicht ein wie ich phlegmatisch veranlagter Mensch für ein Abenteuer oder eine Schwärmerei oder um irgend jemandem zu imponieren, was ich nunmehr seit dem letzten gescheiterten „Umkehrversuch“ konsequent und aus einem inneren Bedürfnis heraus tue: Ich verrichte fünf mal täglich die obligatorischen Ritualgebete (und nicht nur), inkl. die vorausgehenden Waschungen, ich lese  den Koran und viele andere Werke über den Islam. Ich mag nicht mehr in verrauchten Lokalen sitzen, zusammen mit Angetrunkenen. Ich unterhalte mich lieber über Religion als dass ich fern sehe. Ich versuche, die Gebetszeiten einzuhalten, trinke keinen Alkohol und esse kein Schweinefleisch. Übrigens habe ich sogar für die Tage, die ich im Ramadan verpasst habe, „nachgefastet“. (Und am letzten Tag habe ich mir ein paar Datteln gekauft, um das Fasten so zu brechen, wie es Muhammad s.a.s. damals tat,  und nach dem Abendgebet habe ich für mich ganz alleine ein kleines Festmahl gekocht.)

Ich glaube nicht, dass ich verrückt bin. Denn ich habe mein Leben im Griff, tue meine Arbeit, unterrichte, treffe Freundinnen. Natürlich kann ich diese Möglichkeit nicht zu 100% ausschließen – wahrscheinlich glauben die meisten Verrückten von sich selbst nicht, dass sie es sind. Sollte es so sein: bitte lasst mich verrückt bleiben – es geht mir gut dabei – solange ich nicht an diejenigen denke, denen meinetwegen es schlecht geht, weil sie mich so gar nicht verstehen können.

Inzwischen wissen alle meine näheren Freundinnen Bescheid und sie haben eigentlich sehr tolerant reagiert. Sicher wundern sie sich insgeheim und finden wahrscheinlich, dass ich es übertreibe. Für sie ist es natürlich leichter, tolerant zu sein, als für meine Familie. Eine von ihnen meinte sogar, so ein Erlebnis, wie ich es auf dem Balkon hatte würde sich doch jeder insgeheim wünschen. Paulo Coelho nennt es in seinem Buch „Veronika beschließt zu sterben“ den „magischen Moment“, der Menschen dazu bringt, ihr Leben grundlegend zu ändern.

Ich verstehe natürlich die Leute, die sich Sorgen machen, Angst um mich haben, weil sie den Islam für eine gefährliche Sekte halten. Immerhin dachte ich doch vor einem Jahr noch genauso wie sie, hätte wohl im ersten Moment auch genau gleich ablehnend und besorgt reagiert.

Mir wurde auch gesagt:  »Vielleicht liegen unsere Schwierigkeiten, dich zu verstehen, daran, dass wir alle eine Menge Scheidungen kennen, bei denen der eine Partner eine Neue oder einen Neuen kennen gelernt haben. Auch mit den Problemen Alkohol, Drogen, psychische Probleme, ja selbst Ehepartner, die sich homosexuell outen, haben wir alle gewisse Erfahrungswerte. Aber kaum jemand kennt eine Frau, die zum Islam konvertiert ist, schon gar nicht, wie das bei dir abgelaufen ist. Wenn schon, steckte da ein anderer Mann dahinter.«

Wie ist denn das bei mir „abgelaufen“? Für Muslime ist das ganz klar: ich wurde „rechtgeleitet“, auf den (richtigen) Weg gebracht. Ich weiß, wie verrückt sich das für jeden anderen anhört. Inzwischen weiß ich, dass viele praktizierende Muslime irgendwann in ihrem Leben solche oder ähnliche Erlebnisse hatten und dass viele von ihnen auch wissen, von was für einem „Gefühl“ ich da dauernd spreche.

Und – ein „Anderer“ steckt allerdings dahinter – nur kein Mann. Obwohl mein Zustand manchmal durchaus vergleichbar ist mit der Verliebtheit eines Teenagers. Ich habe mich sogar schon ertappt, wie ich am Strand, an einem besonders schönen Tag, mit einem Stock

الله  اكبر

in den Sand schrieb „Allahu akbar“…

Alleine 

Ich lebe jetzt alleine, damit ich in Ruhe und ohne ausgelacht oder missbilligt zu werden, und ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen meinen Glauben praktizieren kann. Mein Mann möchte zwar jetzt meine Religion tolerieren. Aber es ist schwierig – für mich das Wissen, dass er es zwar toleriert aber im Grunde völlig gestört findet, und für ihn, dass seine Frau Dinge tut, die er überhaupt nicht nachvollziehen kann. Dass ich ausgezogen bin, dürfte gewisse Vorurteile noch bestärken: ist es nicht bei den Scientologen so, dass sie Familien bewusst auseinander nehmen? Den Kontakt zu Familienangehörigen untersagen?

Natürlich bin ich gerne mit meinen Leuten zusammen. Es ist jedoch auf die Dauer zermürbend, wenn man offen oder unterschwellig immer wieder versucht, mich gegen den Islam zu beeinflussen, oder mir zu verstehen zu geben, dass ich vielleicht psychisch krank bin, Hilfe brauche, wobei es gut sein kann, dass es manchmal auch nur meine eigene Projektion ist.

Mein Haupt- und Lieblingsthema ist jetzt diese Religion, nur ich bin weiterhin nicht daran interessiert, mir meine eigene, abgelegte Meinung anzuhören – davon kriegt man in den Medien mehr als genug zu sehen und zu lesen – und ganz ganz weit hinten in meinem Hinterstübchen ist sie ja noch da und versucht ab und zu, mich ein wenig zu quälen.

Positiv konnte ich mich über das Thema am Anfang nur mit dem Arabisch Lehrer austauschen. Sehr geduldig  beantwortete er meine Fragen. Allerdings war mir das ein wenig zu sporadisch, und so war ich froh, als ich später einen online-Chat in deutscher Sprache fand. Jedoch befinden sich die Leute, die diesen Chat betreiben – Studenten der Islamwissenschaften, die meisten könnten meine Söhne sein – in Saudi-Arabien. Wahrscheinlich ist das etwa so, als ob jemand zum Christentum übertritt und sich dann von Amish People beraten lässt….. Dessen bin ich mir bewusst, und ich filtere die Informationen, aber ich finde dort Gesprächspartner und Rückhalt, die Brüder sind sehr nett und beantworten alle meine Fragen umgehend.

Durch einen Kontakt mit der muslimischen Gemeinde meiner Stadt habe ich eine junge marokkanische Frau kennengelernt – allerdings ist sie inzwischen mit ihrer Familie nach Marokko zurückgekehrt. So Gott will werde ich sie im Sommer besuchen.

Die hiesige Moschee ist leider eher enttäuschend, die wenigen Frauen dort sind zumeist aus Guinea Bissau und sprechen kein Portugiesisch und kaum Französisch, deshalb eignet sich der Ort nicht zum Austausch.

Selber schwimme ich noch ein wenig herum in diesem riesigen Ozean Namens Islam, irgendwo zwischen den reinen „Namensmuslimen“, die sich also nur Muslime nennen, aber gar nicht praktizieren, und den „Orthodoxen“, die Koran und Sunnah (das Vorbild des Gesandten sas)  wörtlich auslegen und in jedem Detail befolgen. Natürlich würde es wenig Sinn machen, von einer „Papier-Christin“ zu einer „Namens-Muslimin“ zu konvertieren, aber ich habe auch nicht vor, eine Fanatikerin zu werden. Ich bin zuversichtlich, mit der Zeit meinen Platz zu finden. Die Religion an sich stelle ich nicht mehr in Frage.

Heute ist mir rätselhaft, wie jemand die Natur betrachten und ernsthaft an das Zufallsprinzip glauben kann. Oder wenn ich z.B. irgend ein von Menschen hergestelltes Objekt ansehe, finde ich es absurd, wie man auf die Idee kommen kann, dass das Gehirn, das sich ja dieses Objekt ausgedacht hat, rein zufällig entstanden sein soll …..

Der Koran spricht immer wieder von deutlichen Zeichen:

«Und auf Erden existieren Zeichen für jene, die fest im Glauben sind und in euch selber. Wollt ihr es denn nicht sehen?» Sure 51 („die Aufwirbelnden“), Verse 20 und 21

Oder auch:

«Wir werden sie Unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich wird, dass es die Wahrheit ist» Sure  41 („Erklärt!“) Vers 53

Wenn ich also an einen Plan, eine schöpferische Kraft glaube, die hinter allem steht, dann bedeutet das, dass ich dieser mein Sein verdanke, mein Sein und alles Sein. Ist es dann nicht logisch, dass ich dieser Kraft – die ich lieber Allah als Gott nenne, weil dieses arabische Wort weder Geschlecht noch Mehrzahl hat – dass ich Allah Dankbarkeit und Liebe entgegenbringe? Die über allem anderen steht? Und: dass Er auch etwas von mir verlangen darf? Gebete, zum Beispiel?

So. Nun wird jeder vernünftige Mensch sagen: „ok, bis hierher kann ich es mit gutem Willen noch einigermaßen nachvollziehen. Kein Mensch hat etwas dagegen, dass du an Gott glaubst. Aber WARUM AUSGERECHNET ISLAM?

Vielleicht, weil ich mich meine „Zeichen“ dahin geleitet haben. Vielleicht, weil die Erkenntnisse, die ich hier aufgeschrieben habe, ihren Ursprung in meiner Beschäftigung mit dem Koran haben. Weil dort alles, was  was ich hier mühsam zu schildern versuchte, in verschiedenster Form bereits erwähnt ist. Weil dieses Buch voller Wunder ist und seit seiner Offenbarung unverändert blieb und millionenfach auswendig gelernt wurde. Wieso soll Er, der das Größte und das Kleinste und das Sichtbare und das Unsichtbare erschaffen hat, nicht auch demjenigen seiner Geschöpfe, dem er etwas besonderes geschenkt hat, nämlich das Bewusstsein seiner selbst und einen freien Willen, eine Botschaft vermitteln?  Eine Art „Bedienungsanleitung“ für diesen „freien Willen“?

Vor allem aber, weil mich die Religion des Islam überzeugt hat.

Ein anderer Mensch?

Bin ich jetzt ein anderer Mensch? Diese interessante Frage hat mir eine Freundin gestellt. Ich habe am Anfang immer wieder beteuert: ich habe zwar jetzt einen Glauben, eine Religion, aber sonst bin doch immer noch die Gleiche!

Doch vor ein paar Tagen, als mein Mann mich bat, zurückzukommen, sagte ich zu ihm: „Die, von der du möchtest, dass sie zurückkommt, bin ich nicht mehr.“

Ja, ich muss zugeben – es hat sich einiges verändert, es ist nicht nur die Einhaltung der in diesem Bericht erwähnten Rituale. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Die islamische Sichtweise hat zwar meine allgemeine Einstellung zum Leben, zum sozialen Verhalten und auch zur Politik  größtenteils bestätigt, aber es gibt auch Punkte, wo ich meine Meinung geändert habe. Und viele Dinge, die mir früher wichtig waren, sind es heute nicht mehr. Und ich lebe anders, ich gebe mir Mühe, mich als Mensch so zu verhalten, wie es die Religion verlangt.

Aber gerade letzteres ist sehr schwer und ich muss sagen, dass sich meine schlechten Eigenschaften als da sind – unter anderem –  Ungeduld, Nachlässigkeit, Bequemlichkeit, Besserwisserei, Sturheit etc. leider nicht einfach in Luft aufgelöst haben.

Ich kämpfe und versuche, mich zu bessern. Das tat ich früher auch schon, aber diesmal habe ich tatsächlich das Gefühl, kleine Fortschritte zu verzeichnen.

Und so kann man im Großen Ganzen sagen: nein, ich bin nicht mehr die Alte, aber ich bin auch kein neuer Mensch geworden, ich bin ich, mit Ecken und Kanten, mit guten und schlechten Eigenschaften, mit vielen Fehlern, und mal bin ich gut drauf, mal weniger. Und ich bin Muslimin.

Zweifel beschleichen mich nur noch äußerst selten und können dem unerschütterlichen Glauben in mir drin nichts mehr anhaben. Ich gebe zu, dass ich mich in letzter Zeit nicht mehr „objektiv“ weiterbilde, sondern das Negative über den Islam meide. Es ist ohnehin immer dasselbe. Kürzlich äußerte im Schweizer Fernsehen der umstrittene* ägyptisch-schweizerische Islamologe Tariq Ramadan die Überzeugung, dass dem Islam in den heutigen Tagen dasselbe passiere wie früher dem Judentum: „systematische negative Propaganda prägen spätestens seit „nine eleven“ die Einstellung der Medien und bringen aufgrund einzelner Auswüchse eine ganze Religion in Verruf“. Wobei ich nicht  abstreite, dass es durchaus so genannte Muslime sind, die für viel Schreckliches auf der Welt verantwortlich sind und so den Vorurteilen Vorschub leisten. Trotzdem ist es doch interessant, dass bei allen Berichten über Kriminalfälle, über häusliche Gewalt, und über Unterdrückung von Frauen in den Medien die Religionszugehörigkeit immer nur dann erwähnenswert scheint, wenn Muslime involviert sind. Dies nur als kleiner Denkanstoß. (Nur ein Beispiel: ich glaube, die meisten der vielen unterdrückten Frauen in Südamerika, die Geldverdienen, Haushalt, Kindererziehung – einfach alles alleine machen müssen, weil ihre trinkenden und nicht selten schlagenden Männer nichts auf die Reihe bringen, sind Katholikinnen….)

Denen, die immer noch von mir erwarten, vernünftig zu werden und diesen ganzen „Unfug zu vergessen“ kann ich nur sagen: ebensowenig wie man durch Willenskraft anfangen kann, etwas zu glauben, kann man durch Willenskraft aufhören, etwas zu glauben. Ich bin ja nicht in den Supermarkt gegangen und habe mir eine Religion ausgesucht die ich umtauschen könnte, sondern sie ist, ungebeten, „zu mir gekommen“. Da müsst ihr schon warten, bis sie von selbst wieder geht…..

Mein neues Leben ist nicht leicht. Natürlich – ich habe zu Gott gefunden. Davon bin ich überzeugt – ich fühle es ja. «Meine Haut erschauert und dann wird meine Haut und mein Herz weich hin zur Erinnerung Gottes». Ich wünschte, ich könnte dieses Gefühl all denen, die ich liebe, mal kurz ausleihen: dann könnten sie mich verstehen.

Leider geht das nicht. Und so bin ich nun vermutlich in den Augen einiger meiner Familienmitglieder, Freunde und Freundesfreunde nicht mehr ganz normal, psychisch nicht gesund oder sogar total verrückt geworden – oder ganz einfach viel dümmer als sie dachten. Mein Verhalten ist auch nicht dazu angetan, diese Befürchtungen oder Anschuldigungen zu zerstreuen, im Gegenteil – das Einhalten von Gebetszeiten, der Verzicht auf Schweinefleisch und Alkohol und die Trennung von meinem Mann macht mich erst recht zur „Fundamentalistin“. Fehlt nur noch das Kopftuch – aber wer weiß…? Und ich möchte hier doch noch erwähnen – als persönliche Antwort an eine meiner besten Freundinnen – dass es dabei wirklich in keinster Weise darum geht, sich vom Rest der Menschheit „abzuheben“ sondern ganz simpel um den Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes.

Ich gebe offen zu, dass ich auch noch heute Momente habe, wo ich mich frage, ob diese ganzen Rituale und das Einhalten gewisser Gebote und Verbote denn wirklich notwendig seien. Doch wenn ich glaube, dass die Botschaft des Korans göttlichen Ursprungs ist, und das tue ich, dann kann ich ja nicht nur den für mich logischen Teil herauspicken, sondern muss konsequenterweise auch diejenigen Dinge akzeptieren, deren „warum“ ich nicht verstehen kann. Ich kann ja z.B. auch nicht verstehen, warum Elektrizität unsichtbar ist, es leuchtet mir aber ein, dass es so besser ist für uns (man stelle sich vor…)

Aschhadu an laa ilaha illallah

Wa aschhadu anna muhammadan rasulullah

Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott

Und ich bezeuge, dass Muhammad sein Gesandter ist

Und wer mag, liest noch einen besonders schönen und einen besonders aufschlussreichen Vers aus dem Koran:

Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. 

Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische,

 in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. 

Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. 

Ihr Brennstoff kommt von einem gesegneten Baum, 

einem Ölbaum, weder östlich noch westlich,

 dessen Öl beinahe schon Helligkeit verbreitete, 

auch wenn das Feuer es nicht berührte. 

Licht über Licht. 

Allah führt zu Seinem Licht, wen Er will. 

Allah prägt den Menschen die Gleichnisse, 

und Allah weiß über alles Bescheid.

Sure 24 („das Licht“) Vers 35

„Haben die Ungläubigen nicht gesehen, dass die Himmel und die Erde eine Einheit waren, die Wir dann zerteilten? Und Wir machten aus dem Wasser alles Lebendige. Wollen sie denn nicht glauben?“

(Koran 21:30)

Und zum Abschluss ein muslimisches Sprichwort:

„Der Koran ist ein sprechendes Universum und das Universum ein schweigender Koran.“

*bei orthodoxen Muslimen gilt er als zu reformistisch, sodass er z.B. Einreiseverbot in Ägypten hat, bei Nicht-Muslimen als verkappter Fundamentalist, auch Amerika verweigerte ihm zeitweise die Einreise.

 

 

Dieser Text wurde im März 2011 veröffentlicht. Inzwischen habe ich viel gelernt und lerne weiterhin, und mein Glaube entwickelt sich. Was mir seither diesbezüglich so durch den Kopf geht steht in den einzelnen Blogbeiträgen. 

PS: Ausgerechnet Islam gibt es auch als Buch, mit diesem Text – leicht überarbeitet – als Einleitung. Es eignet sich zum Verschenken an Freunde, Bekannte, Verwandte  und hilft, so Gott will, gegenseitiges Verständnis aufzubauen zwischen Muslimen, geborenen und konvertierten, und Nichtmuslimen, seien es nun Andersgläubige oder Nicht-Religiöse.

Alles Nähere, Links zum Bestellen und zu Leseproben und Rezensionen sowie den Vidotrailer findet ihr hier: >>>http://www.ausgerechnet-islam.com/p/das-buch.html